Zweieinhalb Tage vor Symptombeginn könnten Menschen infektiös sein

Hatte sie Symptome oder hatte sie keine? Als Ende Januar die ersten Coronafälle in Deutschland bei einem Münchner Autozulieferer gemeldet wurden, entbrannte eine Diskussion um Patientin 0 – eine chinesische Geschäftsfrau, die sich für eine Fortbildung vor Ort befunden und das Coronavirus unwissentlich weitergegeben hatte. In ersten Meldungen hieß es, die Frau habe während ihres Aufenthalts keinerlei Symptome gezeigt. Dies wurde zunächst als Beweis für eine symptomlose Übertragung gedeutet. 

Später aber folgte das Dementi – und zwar von der Patientin selbst. Sie habe sich bereits in Deutschland unwohl gefühlt und fiebersenkende Mittel genommen, und nicht, wie zunächst berichtet worden war, erst auf ihrem Rückflug nach China. Zurück blieb die Frage: Ist der Erreger noch vor Ausbruch der Krankheitssymptome infektiös?

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Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits erste Meldungen über Krankheitsfälle in China, die sich offenbar bei Menschen ohne erkennbare Symptome angesteckt hatten. Internationale Experten waren jedoch zunächst skeptisch. Sie vermuteten: Möglicherweise hatten diese Menschen doch Kontakt zu einem symptomatischen Kranken gehabt – ohne davon zu wissen.

Eine Studie aus Hongkong liefert nun weitere Hinweise für eine symptomlose Übertragung von Sars-CoV-2. Die Untersuchung stammt von einem Forscherteam um den Kliniker Gabriel Leung. Sie ist bislang in keinem wissenschaftlichen Fachmagazin erschienen, wurde also noch nicht umfassend geprüft. Wie der Berliner Virologe Christian Drosten in der gestrigen Folge seines NDR- Podcasts verriet, hält er die Studie jedoch für von hoher Qualität. Drosten selbst hatte bereits Daten der Münchner Patienten ausgewertet: „Diese Studie hat gezeigt, dass das Virus im Rachen repliziert in der Frühphase der Infektion und dass das Virus selbst in den frühesten Abstrichen schon so hoch nachweisbar ist, dass es am Tag eins und zwei schon auf dem absteigenden Ast ist.“

Übertragung vor Symptombeginn möglich

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen nun auch die chinesischen Forscher, die Daten von 94 Patienten aus dem südchinesischen Guangdong ausgewertet haben. „Das heißt, der Gipfel des Virus muss schon vor dem ersten Tag liegen“, so Drosten. Damit unterscheidet es sich sich deutlich vom bekannten Sars-1-Erreger: „Das war deswegen so gut einzudämmen, weil es erst lange nach Symptombeginn richtig infektiös wird im durchschnittlichen Patienten.“

Die Wissenschaftler um Leung haben außerdem Daten von 77 Paaren untersucht, bei denen einer den jeweils anderen angesteckt hat. Die Forscher wollten wissen: Wie lange ist die Zeitspanne vom Symptombeginn bei einem Partner bis zum Beginn beim anderen? Dieses Intervall nenne sich „Serial Interval“ – also Serienlänge -, so Drosten. Diese reiche in der Studie im Mittel zwischen 5,2 und 5,8 Tagen. Damit liege das Serienintervall in etwa dem Bereich der mittleren Inkubationszeit, die ebenfalls mit 5,2 Tagen angegeben wird. „Das sagt uns, dass der mittlere Patient eigentlich genauso lang auf die Symptome wartet nach Infektion, wie es braucht, um diese Infektion zwischen zwei Patienten zu übertragen“, so der Experte.

„Das bedeutet, dass wir nicht nur am Tag des Symptombeginns im Mittel einen Übertragungsbeginn haben, sondern wahrscheinlich schon auch davor. Der mittlere Patient wird praktisch am Tag des Symptombeginns übertragen, aber das ist nur der mittlere Patient. Einige Patienten werden erst nach Symptombeginn übertragen und leider werden einige aber auch schon vor Symptombeginn übertragen. Das ist dann eine Wahrscheinlichkeitsverteilung, die man ausrechnen kann.“ Man könne davon ausgehen, dass 44 Prozent aller Infektionsereignisse stattgefunden haben, bevor der Infizierende überhaupt krank war, so Drosten. Er geht davon aus, dass die Infektiosität im Mittel zweieinhalb Tag vor Symptombeginn startet.

Das Ergebnis würde verdeutlichen, wie wichtig Abstandsregelungen seien. Wer sich erst bei ersten Krankheitsanzeichen zu Hause einschließe, habe bei normalem sozialen Umgang bereits Personen infiziert. Mit üblichen Regeln des Infektionsschutzes – Symptomerkennung und Isolierung – lasse sich diese Krankheit nicht eindämmen, sagt der Virologe. Stattdessen müssten sich Menschen voneinander distanzieren – „auf gezielte Art und Weise“. 

Quelle: NDR Info

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