Wie giftige Chemikalien Penisse schrumpfen und Fruchtbarkeit reduzieren

Es klingt dramatisiert und populistisch, vielleicht sogar ein bisschen dystopisch: Die Fruchtbarkeit der Menschheit hat über die vergangenen Jahrzehnte abgenommen, Penisse werden kleiner, die Samenproduktion schlechter. Und die Abwärtsspirale könnte sich stetig weiterdrehen. Der Grund: Chemikalien, die den menschlichen Hormonhaushalt nachhaltig verändern. Das beschreibt die Forscherin und Epidemiologin Shanna Swan in ihrem neuen Buch.

Der aktuelle Zustand unserer Fortpflanzung bedrohe die Existenz der Menschheit, schreibt Swan in "Count Down". Sie arbeitet an der Hochschule des Mount Sinai Hospitals in New York und ist auf Umwelt- und Reproduktionsepidemiologie spezialisiert. Bereits 2017 fand Swan heraus, dass die Anzahl der Spermien in westlichen Ländern zwischen 1973 und 2011 um fast 60 Prozent abgenommen habe. 

In ihrem Buch erklärt sie nun weitere Symptome – und wie unsere Umwelt dafür verantwortlich ist.

Durchschnitts-Mann könnte bis 2015 unfruchtbar sein

"Chemikalien in unserer Umwelt und ungesunde Lebensgewohnheiten in der modernen Welt stören unseren Hormonhaushalt", schreibt Swan darin. Die endoktrinen Disruptoren, auch Umwelthormone genannt, hinterließen damit schon in kleinsten Mengen unterschiedliche Grade der Verwüstung in unseren Körpern. 

"In manchen Teilen der Welt ist die durchschnittliche Frau in ihren Zwanzigern weniger fruchtbar als ihre Großmutter mit 35." Männer hätten dagegen möglicherweise halb so viele Spermien wie ihre Großväter, als diese jung waren.

Würde man ihre Kurve bis 2045 weiterskizzieren, könnte der durchschnittliche Mann bis dahin fast gänzlich unfruchtbar sein. Eine derart weitreichende Vorhersage sei wissenschaftlich zwar ein Risiko, sagt Swan, dennoch: "Es ist etwas besorgniserregend, um es vorsichtig auszudrücken."

Die Veränderungen fänden dabei nicht nur in unseren Körpern statt, sondern wären auch äußerlich sichtbar, erklärt die Epidemiologin. Durch die Chemikalien würden Penisse und Testikel langfristig kleiner werden. Swan spricht von einer "globalen existenziellen Krise": Wenn sich nichts ändere, sei die Menschheit in Gefahr, so sagt sie. 

Doch was genau ist die Ursache unserer gestörten Hormonhaushalte?

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Weichmacher in Kunststoffen verantwortlich für die Veränderung

Im Interview mit "The Intercept" erklärt Shanna Swan, alles habe mit dem "Phthalate Syndrom" begonnen. Phthalate werden vor allem als Weichmacher für Kunststoffe eingesetzt, etwa für PVC. Eine Studie hatte ergeben, dass Ratten, die mit solchen Chemikalien in Kontakt kamen, eher deformierte Genitalien hatten als andere. Swan führte eine ähnliche Studie mit Menschen durch. Und fand heraus: Auch im menschlichen Körper hinterlassen die Phthalate Spuren. 

Dem Umweltbundesamt zufolge produziert Westeuropa pro Jahr etwa eine Million Tonnen Phthalate. Weil einige Phthalate nachweislich fortpflanzungsgefährdend sind, dürfen sie in Deutschland beispielsweise bereits nicht mehr für Lebensmittelverpackungen genutzt werden. Dennoch sagt selbst das Umweltbundesamt: Es ist kaum kontrollierbar, wie viele der Stoffe weiterhin in unseren Körper gelangen. 

Deformierte Testikel und Penisse durch Umwelteinflüsse  

Phthalate, aber auch Parabene und Atrazine seien dabei die Hauptursachen für die Veränderung unserer Fruchtbarkeit, sagt Swan. Sie würden aber auch zu Frühgeburten, Übergewicht und sogar niedrigerer Intelligenz führen. Swan mag für ihre Erkenntnisse drastische Worte verwenden. Allein: Sie ist bei weitem nicht die einzige Forscherin, die eine Kausalität zwischen Umwelthormonen und der Veränderung unserer Körper erkannt hat. 

Französische Forschende haben kürzlich herausgefunden, dass männliche Babys eher mit deformierten Hoden geboren werden, wenn ihre Mütter in Gegenden mit Kohleminen und Metallproduktionen leben. Für die Studie hatten sie fast 90.000 Jungen mit einem oder zwei fehlenden Testikeln über Jahre beobachtet. Auch zwei australische Forscher hatten 2018 in einer Studie eine Verbindung zwischen Chemikalien in Plastik, deformierten Penissen und unvollständig entwickelten Hoden entdeckt. 

Swan wünscht sich politische Veränderungen

Swan selbst hatte in ihrer Phthalate-Studie herausgefunden, dass männliche Babys einen kürzeren anogenitalen Abstand hatten, wenn sie den Stoffen im Mutterleib ausgesetzt werden. Das bedeutet, dass der Abstand zwischen ihrem Anus und dem Beginn der Genitalien kürzer war – laut früherer Studien ein Indikator für eine niedrigere Fruchtbarkeit und kleinere Penisse. 

Die Erkenntnisse aus ihren bisherigen Studien hätten nicht zu politischen Veränderungen geführt, sagt Shanna Swan gegenüber "The Intercept" im Januar: "Vielleicht wird das nach dem Buch anders."

Quellen: "The Guardian" / "VICE" / "The Intercept" / "Axios" / Umweltbundesamt

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