"So funktioniert das nicht": Twitter-Thread erklärt, warum Corona-Kritiker oft nicht wissenschaftlich vorgehen

Mehr als 45 Millionen bestätigte Infektionen und über eine Million Todesfälle: Das Coronavirus Sars-CoV-2 bestimmt weiterhin den Alltag vieler Menschen. Länder wie Deutschland, Frankreich und Italien haben zu Beginn der kalten Jahreszeit mit steigenden Infektionszahlen zu kämpfen. Und auch für Wissenschaftler weltweit bleibt die Pandemie ein Kraftakt: Seit Monaten wird fieberhaft zu dem Virus und möglichen Behandlungsmethoden geforscht und Studien auf den Weg gebracht.

Fakten und Daten sammeln und Thesen belegen beziehungsweise widerlegen – das ist das Wesen wissenschaftlicher Arbeit, speziell bei einem neuartigen Erreger wie Sars-CoV-2. Mit der Zeit entsteht so wissenschaftlicher Konsens. Das schließt nicht aus, dass sich Erkenntnisse ändern können – das werden sie sogar zwangsläufig. Es ist das Wesen wissenschaftlichen Fortschritts. Auch Kritik ist in diesem Prozess wichtig, ja sogar nötig. Gerechtfertigte Kritik trägt dazu bei, dass gute Wissenschaft gelingt.

Doch wie lässt sich gute Wissenschaft erkennen? Für die Öffentlichkeit ist das oft schwer zu beurteilen. Vielfach finden auch Äußerungen von Corona-kritischen Ärzten und Wissenschaftlern ein großes Echo, die dem wissenschaftlichen Konsens widersprechen. In einem Twitter-Thread erklärt der Physiker und Wissenschafts-Redakteur Florian Aigner, wie diese Gegenmeinungen bewertet werden können. Konkret bezieht er sich dabei unter anderem auf Sucharit Bhakdi, einen emeritierten Epidemiologen der Uni Mainz.

"Bhakdi vertritt eine Meinug, die dem breiten Konsens der Wissenschaft widerspricht: In der Forschung ist man sich einig, dass die Corona-Epidemie eine gefährliche Sache ist, die noch lange andauern wird. Bhakdi sieht das anders, das ist natürlich sein gutes Recht", schreibt Aigner auf Twitter. "Wissenschaft kann nur funktionieren, wenn es Möglichkeiten gibt, auch weit verbreitete Irrtümer zu entlarven. Man muss auch einer Minderheitsmeinung immer die Chance geben, sich durchzusetzen. Aber wie funktioniert das?"

Wenn Fakten gegen Fakten stehen

Es reiche in der Wissenschaft nicht aus, den anerkannten Fakten einfach eigene Fakten gegenüberzusetzen, so Aigner. "Man muss die Behauptungen, die man widerlegen will, genau studieren und erklären können, warum die bisher anerkannte These zwar korrekt ausgesehen hat, aber trotzdem durch eine bessere These ersetzt werden sollte." Corona-kritische Wissenschaftler würden das aber nicht leisten: "Sie werfen irgendwelche Behauptungen in die Gegend, die angeblich der 'gängigen Lehrmeinung' widersprechen und erklären diese Lehrmeinung damit für widerlegt. So funktioniert das nicht."

Man möge einmal annehmen, das Virus sei wirklich schon vor Monaten verschwunden. "Dann müsste man Erklärungen liefern, für die hohe Anzahl positiver Tests, für die steigende Belegung der Krankenhäuser und Intensivstationen, für Übersterblichkeiten. Je reichhaltiger die Beweislage für die bestehende Theorie, umso reichhaltiger müssen auch die Widerlegungen ausfallen, um glaubwürdig zu sein. Man müsste erklären, warum die Zahlen so überzeugend zu den bestehenden Modellen passen, wenn diese Modelle falsch sind – von der Reproduktionszahl bis zur Altersstruktur der Betroffenen. Man müsste zeigen, wo Mess- oder Rechenfehler gemacht wurden."

Spinat-Irrtum

Aigner schließt wissenschaftliche Irrtümer damit explizit nicht aus. Konkret bezieht er sich auf den lange verbreitete Behauptung, Spinat enthalte besonders viel Eisen. "Beim Spinat-Irrtum zeigt sich, dass die Daten in alten Publikationen schlecht aufbereitet wurden, und dieser Irrtum wurde oft unkritisch zitiert. Das lässt sich klar nachvollziehen, gleichzeitig kann man neue Messungen zum Eisengehalt von Spinat durchführen, mit anderem Ergebnis."

Das sei gute Wissenschaft: "Nicht einfach nur trotzig dagegenreden, sondern zeigen, dass man verstanden hat, was bisher als wahr galt, warum es als wahr galt, und warum man trotzdem einen Schritt weitergehen muss."

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