Schwanger und Brustkrebs: Linda Wagner über ihre Erkrankung

Alles war gut. Ich hätte glücklicher nicht sein können, ich war im fünften Monat schwanger. Wir erwarteten unser zweites Wunder. Dann spürte ich im August 2020 beim Stillen meines Großen eine Verhärtung in der Brust. Ich vermutete einen Milchstau. Als ich den Knubbel ein paar Wochen später meiner Frauenärztin zeigte, überwies sie mich an eine Klinik und dann ging alles ganz schnell. Nach vier Tagen erhielt ich die Diagnose: hormonabhängiger Brustkrebs. Danach hörte ich nur noch Bruchteile. Ich hörte Krebs, Operation nötig, Chemo nötig. Die Gedanken rasten in meinem Kopf. Ich kam mit dem Denken nicht hinterher: Muss ich sterben? Was ist mit meinem ungeborenen Kind? Was ist mit meinem großen Sohn?

Ich bin Kinderkrankenschwester. Ich weiß, was Krebs bedeuten kann, wie schwer die Erkrankung sein und wie zügig alles verlaufen kann. Und ich kannte Krebs auch aus der Familie. Trotzdem hatte ich keine Idee, was die Diagnose bedeutet, wenn man auch noch schwanger ist. Was ich wusste: Es ist ein aggressiver, schnell wachsender Krebs. Und ich kann mein ungeborenes Kind allein nicht schützen. Der Arzt aber beruhigte mich. Er erklärte mir, dass die Diagnose nicht automatisch bedeute, dass in einem Jahr alles für mich vorbei ist und dass ich genauso gut behandelt werden kann wie jemand, der nicht schwanger ist. Es könne zwar sein, dass mein Kind etwas leichter, kleiner, zarter auf die Welt kommt, aber Sorgen machen, dass die Operation oder die Chemotherapie meinem Ungeborenen schade, es zu Fehlbildungen oder einer Frühgeburt kommt, müsse ich mir nicht. Darauf habe ich vertraut, das musste ich auch. Denn für mich war es keine Option, keine Chemo zu machen. Abwarten, bis das Kind geboren ist, es für mich aber vielleicht keine Hoffnung und keine Behandlungsmöglichkeiten mehr gibt, kam nicht in Frage. Ich habe schließlich die Verantwortung, für meine Kinder auch nach der Geburt da zu sein.

(Über-)Leben mit Brustkrebs – Teil 1

Nadja Seipel galt als geheilt, dann kam der Krebs zurück. Sie weiß, er wird sie töten

Chemotherapie in der Schwangerschaft

Ich war in der 19. Schwangerschaftswoche, als mir der Tumor brusterhaltend entfernt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits zweieinhalb Zentimeter groß. Einen Monat später startete die Chemotherapie. Ich hatte fünf Zyklen hinter mir, als die Geburt eingeleitet wurde. Eine natürlich beginnende Geburt ist mit Chemotherapie nicht möglich. Auch das Stillen nicht. Meinen Großen, er war zu diesem Zeitpunkt anderthalb, hatte ich direkt nach der Diagnose abgestillt, beim Kleinen war das Stillen gar nicht möglich. Ab der Geburt können die Wirkstoffe der Chemotherapie über die Muttermilch weitergegeben werden. Schon zwei Wochen nach der Geburt wurde die Chemo fortgesetzt, ab dann wöchentlich, noch einmal drei Monate lang. Ein Wochenbett hatte ich dadurch nicht. Ohne meinen Mann, meinen Fels, hätte ich das nicht geschafft. Er hat mir den Rücken freigehalten.

Fakten über Brustkrebs

Jedes Jahr erkranken laut Schätzungen des Robert-Koch-Instituts etwa 66.800 Frauen neu an Brustkrebs. Für Frauen ist es die häufigste Krebsart. Zunehmend sind auch Jüngere betroffen. Die Deutsche Krebsgesellschaft spricht von über 18.000 Frauen, die jährlich an Brustkrebs sterben. Auch Männer können an Brustkrebs erkranken, bei ihnen sind es jährlich etwa 770 Neuerkrankungen. Der Brustkrebsmonat Oktober macht auf die Situation von Erkrankten aufmerksam.

Natürlich hatte ich auch Sorgen und Ängste, Todesängste. Ich war in einer Situation, in der ich nicht wusste, wie es weiter geht, wie die Zukunft aussieht. Aber da war eben auch dieser kleine Mensch, der sein Unwesen trieb und für den ich Mama geblieben bin, ob nun mit Haaren oder ohne. Und als Mama hat er mich auch gebraucht. Das hat mir geholfen, mich nicht zu sehr in düsteren Gedanken zu verfangen. Ich war abgelenkt. Gleichzeitig war genau diese Situation auch unglaublich kräftezehrend. Mein Mann hatte zwar nach der Geburt Urlaub, aber musste irgendwann wieder arbeiten, zwar im Homeoffice und mit großer Unterstützung seines Chefs, aber er musste arbeiten. Familie haben wir keine in der Nähe, die hätte helfen können. Und Anspruch auf eine Haushaltshilfe hätte ich zwar gehabt, aber annehmen würde ich das nur, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht.

Krebsaufklärung

Brustkrebs: Fakten zu genetischer Veranlagung, Früherkennung und Vorsorge

Antihormontherapie: In die künstlichen Wechseljahre versetzt

Und so konnte ich eben nicht einfach mal sagen, ich schlafe mich jetzt mal zwölf Stunden aus, weil mein Körper das braucht. Ich musste funktionieren, ich musste da sein, was anderes blieb mir nicht übrig. Da blieb keine Zeit zum Nachdenken, ich habe einfach gemacht. Zum Glück hielten sich die Nebenwirkungen der Chemotherapie in Grenzen. Ich hatte Haarausfall, aber nicht diese massive Übelkeit. Erschöpft war ich trotzdem. Und als das zweite Kind da war, war ich zudem überfordert hoch zehn. Manchmal saß ich zwischen den Kindern auf dem Boden, habe geweint und nicht mehr gewusst, was ich zuerst machen soll. Auf mich selbst Rücksicht nehmen konnte ich in dieser Zeit nie. 

Ich werde noch drei bis sieben Jahre in Behandlung sein. Mindestens. Da es sich bei mir um einen hormonabhängigen Brustkrebs handelte, folgte auf die Chemotherapie eine Antihormontherapie. Diese versetzt mich in die künstlichen Wechseljahre mit allen Beschwerden, die eine Frau üblicherweise in den Wechseljahren bekommt: Hitzewallungen, Knochenschmerzen, Gewichtszunahme. Außerdem ist der Körper nach wie vor von der Chemo belastet. Die Ausdauer ist weg und die Konzentrationsfähigkeit erholt sich nur langsam. Aber es geht voran. Vor einer Weile war ich sogar mal wieder mit einer Freundin tanzen. Es war einfach schön, weil da für einen Moment alles ganz weit weg war. Denn die Angst bleibt. Klar, jeder kennt diese tollen Erfolgsgeschichten: Diagnose, OP, Therapie, fertig. Zu denen darf ich mich ja auch noch zählen. Aber ich kenne leider auch Betroffene, bei denen es nicht so einen positiven Verlauf gab und sie plötzlich mit Metastasen konfrontiert wurden. Davor hat jeder Betroffene wahnsinnige Angst. Krebs ist eine heimtückische Erkrankung, die sich leider nicht wie bei einer Erkältung mit einem Schnupfen ankündigt, sondern leise vor sich hin wächst.

Peter Jurmeister

"Kaum ein Arzt achtet auf Brustkrebs beim Mann" – über eine Krankheit, die fälschlicherweise zur Frauensache gemacht wird

Mein großer Sohn geht inzwischen in den Kindergarten, der kleine wird jetzt eingewöhnt. Wenn die Kinder betreut sind, bin endlich einmal ich dran und das steht mir auch zu. Ich habe ums Überleben gekämpft und musste gleichzeitig funktionieren, meine eigenen Bedürfnisse hintenanstellen. Jetzt werde ich mir Zeit für mich nehmen. Ich möchte endlich wieder Sport machen, aktiv gegen die Fatigue vorgehen. Und ich möchte die letzten Jahre psychisch aufarbeiten, denn das konnte ich bisher nicht. Schon jetzt, wenn mal ein Moment Ruhe da ist, kommt das alles hoch, dann denke ich darüber nach, was ich alles mitgemacht und ertragen habe und könnte direkt weinen. Alleine möchte ich das aber nicht angehen, sondern mir psychologische Unterstützung holen. Und dann, im Frühjahr, wenn ich hoffentlich körperlich und seelisch wieder fit bin, möchte ich zurück in meinen Job. Das ist der Plan – wieder ein bisschen weniger Krebs und mehr Leben.

Linda Wagner ist als "just_inked87"auf Instagram zu finden, wo sie ihre Erfahrungen mit Brustkrebs teilt und anderen Betroffenen Mut machen will.

Quelle: Den ganzen Artikel lesen