Reine Vorsichtsmaßnahme: Das sagen Experten zum Astrazeneca-Impfstopp

Wegen Berichten über schwere Nebenwirkungen des Astrazeneca-Vakzins stoppt nun auch Deutschland die Impfungen. Experten sahen dafür bislang keinen Anlass. Auch der Gesundheitsminister bewertet den Impfstopp als reine Vorsichtsmaßnahme.

Erst Dänemark, dann die Niederlande – und nun stoppt auch Deutschland die Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca. Grund dafür sind Berichte über einen Todesfall sowie eine mögliche Thrombosegefahr nach Verabreichung des Impfstoffs. FOCUS Online gibt einen Überblick über die Datenlage zum Astrazeneca-Mittel und erklärt, warum die Impfstopps per se kein Zeichen dafür sind, dass das Vakzin unsicher oder gar gefährlich ist.

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Nach Impfung: Länder melden Fälle von schweren Blutgerinnseln

Zehn Tage nach ihrer Impfung mit Astrazeneca verstarb eine Person aus Österreich an multiplen Thrombosen. In Norwegen war am Wochenende bekannt geworden, dass drei Personen nach ihrer Impfung im Krankenhaus wegen Blutgerinnseln behandelt werden. Auch in Dänemark waren einzelne Fälle in Dänemark bekanntgeworden, in denen schwere Blutgerinnsel nach der Verabreichung des Mittels auftraten.

In den Fokus rückte dabei eine spezifische Impfstofflieferung des Vakzins: die Charge ABV5300. Diese wurde in 17 EU-Länder ausgeliefert, darunter Österreich, jedoch nicht nach Deutschland. Dennoch stoppte die Bundesregierung am Montag hierzulande ebenfalls die Impfungen. Die Bundesregierung folge damit einer aktuellen Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI).

Nach den neuen Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung in Deutschland und Europa halte das Institut weitere Untersuchungen für notwendig. „Bisher gibt es sieben bestätigte Fälle, die im Zusammenhang mit einer Hirnvenenthrombose stehen können“, sagte Bundesgesundheitsminister Spahn am Montag. Allerdings betonte er, dass es sich dabei um „eine reine Vorsichtsmaßnahme“ handele. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA werde entscheiden, „ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffes auswirken“.

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  • Mediziner sahen bislang „keinen Grund zur Sorge“

    Die Maßnahmen, welche zunächst nur in Dänemark und Norwegen ergriffen wurden, seien „selbstverständlich als Vorsichtsmaßnahmen zu verstehen“, erklärte zuletzt Charité-Immunologe Leif-Erik Sander. Es sei „wichtig und richtig, dass allen Ereignissen sehr sorgfältig nachgegangen wird“. Das geschehe im Augenblick auch durch die zuständigen Behörden.

    Einen Impfstopp hielt der Experte bisher jedoch nicht für angezeigt: „Ich sehe aber aktuell keinen Grund zur Sorge. Aktuell erscheint es mir nicht zielführend über mögliche Pathomechanismen zu spekulieren, da ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und thromboembolischen Ereignissen nicht wahrscheinlich ist.“ Denn auch nach Gabe von vielen Millionen Impfdosen des Astrazeneca-Impfstoffs zum Beispiel in Großbritannien gebe es keine Häufung von thrombotischen Ereignissen unter den Geimpften. „Daher ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Impfung und Thrombosen eher nicht zu erwarten“, so Sander.

    Auch Infektiologe Christoph Spinner betonte im Live-Talk bei FOCUS Online, dass es zum jetzigen Zeitpunkt noch keinerlei gesicherte Erkenntnisse für einen Zusammenhang zwischen dem vermehrten Vorkommen von Blutgerinnseln und Covid-19 Impfungen gebe.

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    Blutgerinnsel kommen häufig vor – auch ohne Covid-Impfung

    Vielmehr handele es sich dabei bisher aus seiner Sicht um „Assoziationen“, wenn Erkrankungen oder potenzielle Nebenwirkungen in Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen auftreten würden. „Das kann aber zufällig sein – denn die Erkrankung, in diesem Fall die Thrombose, kommt auch ohne Covid und auch ohne Covid-Impfung vor“, betonte Spinner. Der Mediziner sehe im Münchner Klinikum rechts der Isar täglich mehrfach solche Fälle. „Blutgerinnsel kommen in der Allgemeinbevölkerung breit vor.“

    Im konkreten Fall gebe es drei Möglichkeiten zum Umgang mit dem Astrazeneca-Impfstoff:

    Bei dem Vorgehen, die Impfung für einen bestimmten Zeitraum ganz auszusetzen, handele es sich laut Spinner um „die konservative“ Lösung.

    Thrombosen treten auch unabhängig von Covid-19 auf

    Venöse Thrombosen treten unabhängig von Covid-19 jährlich bei einem von 1000 Erwachsenen in Deutschland auf. Insgesamt leiden laut „Deutscher Gefäßliga“ hierzulande etwa 900.000 Patienten an den Folgen einer Thrombose, wobei die Dunkelziffer weit höher liegt.

    „In Deutschland gibt es jährlich 100.000 Todesfälle aufgrund von thromboembolischen Ereignissen, diese stellen derzeit die dritthäufigste Todesursache dar“, ordnet auch Infektiologe Clemens Wendtner ein. Der Mediziner behandelte im Januar 2020 den ersten deutschen Corona-Patienten in der Münchner Klinik Schwabing. Auch die Erkrankung Covid-19 gehe mit einem starken Risiko für Thrombosen einher. In einer aktuellen US-amerikanischen Auswertung basierend auf 3334 Patienten traten thromboembolische Ereignisse bei insgesamt 533 Patienten, entsprechend 16 Prozent, auf.

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    „Insofern ist die berichtete Zahl der thromboembolischen Ereignisse nach AZD1222-Impfung in keinem Fall höher als die Anzahl der Thromboembolien, die statistisch zufällig in der exponierten Bevölkerung auch ohne Impfung vorkommen würden.“ Auch wäre das Risiko, an einer Covid-19 assoziierten Thrombose Schaden zu nehmen, um ein Vielfaches höher, führte der Münchner Infektiologe aus.

    Der britisch-schwedische Pharmakonzern Astrazeneca wies die Sorgen wegen schwerer Nebenwirkungen seines Corona-Impfstoffs ebenfalls zurück. „Eine Analyse unserer Sicherheitsdaten von mehr als zehn Millionen Datensätzen hat keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Lungenembolien oder tiefe Venenthrombosen gezeigt“, teilte ein Sprecher am Freitag mit. Das gelte für alle Altersgruppen, Geschlechter, Länder oder Chargen des Astrazeneca-Impfstoffs. „Tatsächlich kommen diese Ereignisse unter Geimpften sogar seltener vor als in der Allgemeinbevölkerung“, hieß es weiter.

    Bis zum 10. März hat die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) 30 Fälle von „thromboembolischen Ereignissen“ bei fast fünf Millionen mit dem Astrazeneca-Mittel geimpften Menschen registriert. Bezogen auf Deutschland ist festzuhalten, dass bis zum 11.03.2021 insgesamt elf Meldungen über unterschiedliche thromboembolische Ereignisse bei etwa 1,2 Millionen Impfungen berichtet worden, also weniger als 1 pro 100.000 Personen.

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    SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach hält deutschen Impfstopp für Fehler

    Zum deutschen Impfstopp hat sich auch SPD-Mann und Epidemiologe Karl Lauterbach bereits geäußert: Das Aussetzen der Impfungen mit dem Vakzin hält er „auf der Grundlage der vorliegenden Daten für einen Fehler“. Die Prüfung ohne Aussetzung der Impfung wäre wegen der Seltenheit der Komplikation besser gewesen. In der jetzt Fahrt aufnehmenden dritten Welle wären die Erstimpfungen mit dem Astrazeneca-Impfstoff „Lebensretter“, schreibt der Politiker und Mediziner.

    Die Schädigung des Vertrauens sei durch die Impfunterbrechungen ohnehin immens. Thrombosen seien eine häufige Folge von Covid-19. Davor schütze der Impfstoff von Astrazeneca, führt er weiter aus. Das Thromboserisiko durch die Impfung sei demnach hingegen „verschwindend gering“.

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