Hausärzteverband Nordrhein: Apotheker behalten Grippeimpfstoffe ein

Den Hausärzten in Nordrhein mangelt es offenbar an Grippeimpfstoffen. Ein Sündenbock ist schnell gefunden: Der Vorsitzende des Hausärzteverbands Nordrhein, Oliver Funken, beschuldigt die Apotheken, Impfstoffdosen für ihr Modellprojekt einzubehalten, die eigentlich für die Praxen vorgesehen seien. AVNR-Chef Thomas Preis wehrt sich entschieden gegen den Vorwurf.

Die Hausärzte beklagen Lieferengpässe bei den Grippeimpfstoffen – und sehen die Schuld dafür bei den Apotheken, heißt es in einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vom heutigen Freitag, die von etlichen Publikumsmedien weiterverbreitet wurde. Sie sorgten „durch eigene Impfangebote für eine künstliche Verknappung des Impfstoffes und behindern die Impfungen in den Arztpraxen“, wird darin Oliver Funken, Vorsitzender des Hausärzteverbands Nordrhein, zitiert.

Hintergrund ist ein seit dem Jahr 2020 laufendes Modellprojekt zur Grippeimpfung in den Apotheken. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte dafür mit dem Masernschutzgesetz, das im März 2020 in Kraft trat, den Weg geebnet. Als erstem Verband war es dem AVNR gelungen, einen entsprechenden Vertrag mit einer Krankenkasse auszuhandeln, konkret der AOK Rheinland/Hamburg. Ärzteverbände hatten die Initiative von Anfang an abgelehnt. Erste Evaluationsergebnisse zeigen jedoch einen bemerkenswerten Zuspruch der Versicherten zum Service der Apotheken: Fast alle Geimpften waren zufrieden damit, gut 90 Prozent sogar sehr zufrieden. 94 Prozent gaben an, sie würden sich wieder in einer Apotheke gegen Grippe impfen lassen.

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Funken allerdings hält nichts von dem Modellprojekt: „Impfen ist eine originäre ärztliche Aufgabe“, betont er. Leider kämen aktuell die von den Praxen bestellten Mengen an Grippeimpfstoff nicht überall vollständig an. Das kreidet Funken den Apotheken an: Sie würden ihren Kunden in diesem Jahr „aktiv“ die Grippe-Impfung anbieten, moniert er. Dabei würden sie oft auf Impfstoff zugreifen, der für die Arztpraxen vorgesehen sei. „Die Apotheken sollen die Versorgung mit Impfstoffen und Medikamenten 24 Stunden an sieben Tagen flächendeckend sicherstellen. Das ist ihre Kernaufgabe. Und das gilt auch für die Auslieferung der Grippeimpfstoffe an die Arztpraxen.“ 

Preis weist Vorwürfe zurück

Der Vorsitzende des Apothekerverbands Nordrhein, Thomas Preis, weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Gegenüber der AZ erklärt er, dass die Hersteller die Grippeimpfstoffe wie jedes Jahr etappenweise ausliefern, die Belieferung werde in der ersten Novemberwoche abgeschlossen sein. Zudem rückt Preis die Zahlen zurecht: Bundesweit gebe es dieses Jahr 27 Millionen Impfstoffdosen, das entspreche 2,7 Millionen für Nordrhein. Im vergangenen Jahr hätten die Ärzte in Nordrhein schätzungsweise etwa 2 Millionen Grippeimpfungen durchgeführt, in den Apotheken waren es 500. In diesem Jahr werden es wohl 5.000 bis 10.000 sein. Einen Mangel an Impfstoff kann der AVNR-Chef nicht erkennen. „Am Ende werden wir wieder Hunderttausende Impfdosen übrig haben“, prognostiziert Preis.

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