Dramatischer Anstieg schwerer Krebs- und Diabetesfälle – wann Sie sofort zum Arzt sollten

Während der Pandemie sind viele Deutsche weniger zum Arzt gegangen als üblich. Das rächt sich jetzt, wie eine Umfrage von „Report Mainz“ zeigt: Demnach ist nicht nur die Zahl schwerer Fälle von Lungenkrebs und Diabetes gestiegen. Kliniken melden auch mehr Schmerzpatienten. Welche Symptome Sie nicht ignorieren dürfen.

Die Zahl der schweren Fälle bei Lungenkrebs-, Diabetes- und Schmerzpatienten hat seit Beginn der Corona-Pandemie deutlich zugenommen. Darauf deutet eine Umfrage des ARD-Politikmagazins "Report Mainz" hin. Der Grund sind ausgefallene Arzt- und Krankenhausbesuche aus Angst der Patienten sich mit dem Virus anzustecken.

In einer Umfrage hat "Report Mainz" die jeweils 20 patientenstärksten Lungenkrebs-, Diabetes- und Schmerzkliniken angeschrieben und deren Antworten ausgewertet. Im Ergebnis sehen 71 Prozent der Lungenkliniken, die Angaben zu Zahlen machen konnten, eine deutliche Steigerung fortgeschrittener Tumore im Vergleich zur Zeit vor Corona.

Je später Patienten zum Arzt gehen, desto schlechter die Überlebenschancen

Dem Magazin gegenüber sprechen die Thorax-Klinik Heidelberg und das evangelische Lungenkrankenhaus in Berlin jeweils von 20 Prozent. Im Marienhaus-Klinikum in Mainz konnten nach Angaben der Klinik vor Corona 41 Prozent der Lungenkrebs-Patienten operiert werden, jetzt seien es nur noch 25 Prozent. Die Überlebenschance der betroffenen Patienten sei dadurch geringer.

Auch bei Diabetes- und Schmerzkliniken gibt es laut der Umfrage eine Steigerung schwerer Fälle im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Bei Diabetes bestätigen das 50 Prozent der Kliniken, die Angaben machen konnten. Bei Schmerz sind es 44 Prozent der Kliniken, die über eine Schmerzzunahme bei ihren Patienten berichten.

Auch wenn die Zahlen nicht repräsentativ sein können, geben sie eine Tendenz wieder. Chefarzt Peter Hollaus vom Marienhausklinikum Mainz sagte gegenüber "Report Mainz": "Es ist für uns schon schmerzhaft, wenn wir auf den Tumor-Konferenzen sitzen und sehen, dass wir keinem Patienten mit unserer Kunst mehr helfen können, weil es zu weit fortgeschritten ist. Das ist schon hart."

Mediziner kritisieren Krisenkommunikation der Politik

Hollaus sieht auch ein politisches Versäumnis: "Die Patienten wurden zuerst in Panik versetzt, dann wurde alles heruntergefahren. Es war für mich konzeptlos alles. Man hätte sicher das Vertrauen der Menschen in ihre Krankenhäuser durch Werbekampagnen stärken müssen."

Auch Thomas Haak, Chefarzt an der Diabetes-Klinik in Bad Mergentheim, zeigt sich im Interview mit dem ARD-Politikmagazin besorgt: "Wir hatten noch nie so viele Patienten mit extrem schlechten Laborwerten bei der Aufnahme, wie in dieser Zeit. Wir haben eine deutliche Zunahme an Fußwunden, die lange bestanden haben, die man früher hätte besser behandeln können." Jetzt müsse man bei einigen Patienten sogar die Füße amputieren.

Im vergangenen Jahr sind laut den Zahlen des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung mehr als 20 Millionen Arztbehandlungen ausgefallen, vor allem Hausärzte waren betroffen. Auch in den Krankenhäusern kam es laut dem wissenschaftlichen Institut der AOK zu Ausfällen – zwischen Oktober 2020 und Februar 2021 wurden demnach 20 Prozent weniger Fälle behandelt als im Vorjahreszeitraum, im Frühjahr 2020 betrug das Minus sogar 27 Prozent.

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Die Vorsitzende des "Aktionsbündnisses Patientensicherheit e.V.", Ruth Hecker, sieht die Politik mitverantwortlich für diese Situation. Denn viele Patienten hätten aus Angst vor Corona keine Arzt- oder Klinikbesuche mehr gemacht.

Aus ihrer Sicht sind das auch Kollateral-Schäden einer falschen Krisenkommunikation im vergangenen Jahr. "Ich glaube tatsächlich, dass der Bundesgesundheitsminister, auf den ja alle geguckt haben, an dem sich alle orientiert haben, der die Galionsfigur in der Krise war, mehr Verantwortung hätte übernehmen müssen, um Zielgruppen spezifisch zu informieren: Geht wieder in die Krankenhäuser, geht wieder in die Praxen, ruft dort an, guckt euch das an", zitiert sie "Report Mainz". 

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Das Bundesgesundheitsministerium erklärt dazu gegenüber dem Magazin: Die Bundesregierung habe stets deutlich gemacht, dass lediglich medizinisch nicht dringliche Operationen verschoben werden sollten. Jens Spahn habe am 30. Mai 2020 an die Bevölkerung appelliert, bei Beschwerden eine Praxis oder ein Krankenhaus aufzusuchen und im Februar 2021 für die Darmkrebsvorsorge geworben. Die Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung habe zudem wiederholt, etwa im August 2020, auf das Thema hingewiesen, ebenso die Patientenbeauftragte der Bundesregierung.

Weiter sagte das Bundesgesundheitsministerium: "Ungeachtet dessen ist darauf hinzuweisen, dass die Entscheidung, was medizinisch-therapeutisch notwendig ist, die behandelnden Ärztinnen und Ärzte treffen, die ihre Patientinnen und Patienten kennen und unter Berücksichtigung der Gesamtumstände die jeweilige Situation am besten beurteilen können."

Als völlig unzureichend kritisiert Ruth Hecker die Kommunikationsstrategie des Bundesgesundheitsministeriums: "So was muss man immer wieder kommunizieren. Wöchentlich, täglich, noch nicht mal wöchentlich, sondern täglich, weil sie erreichen immer nur eine bestimmte Anzahl von Menschen. Und wenn der Minister Sicherheit ausgestrahlt hätte, dann wäre die Sicherheit auch angekommen bei der breiten Bevölkerung", kritisiert sie bei "Report Mainz".

Bei welchen Symptomen Sie mit dem Arztbesuch nicht warten sollten

Generell gilt: Je früher Krankheitszeichen abgeklärt werden, desto besser die Therapiemöglichkeiten. Zu den Diabetes-Frühwarnzeichen, die jeder kennen sollte, zählen Mediziner etwa

  • ständigen Durst
  • häufiges Wasserlassen, vor allem nachts
  • häufigen Juckreiz, weil die Haut trockener wird
  • Wunden heilen langsamer als früher
  • Leistungsschwäche ohne äußeren Anlass wie etwa Schlafmangel
  • Infektanfälligkeit
  • Gewichtsabnahme trotz gewohnter Ernährung

„Eigentlich sollte jedes einzelne dieser Symptome Anlass sein, zum Hausarzt zu gehen“, empfiehlt Hans Hauner, Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin am Klinikum rechts der Isar in München. Nur dann wird Diabetes rechtzeitig diagnostiziert und die richtige Behandlung kann beginnen. So können Spätfolgen wie Organschäden an Nieren, Augen und Herzkreislauf eingedämmt werden.

Bluttest kann Diabetes-Verdacht zuverlässig abklären

Der Arzt kann im Blutbild und mit weiteren Bluttests wie dem Zuckerbelastungstest erkennen, ob Diabetes hinter den Anzeichen steckt. Der Zuckerbelastungstest oder orale Glukosetoleranztest (OGTT) zeigt, wie hoch der Blutzucker nach der Einnahme von Traubenzucker ansteigt.

Das gibt wichtige Hinweise darauf, ob die Bauchspeicheldrüse genügend Insulin ausschüttet, das Hormon auch wirkt und der Blutzuckerspiegel kaum ansteigt – oder das Gegenteil der Fall ist. Dann liegt Diabetes vor.

CAUTION-Symptome für eine Krebserkrankung

Bei Krebserkrankungen treten Symptome oft erst im mittleren oder fortgeschrittenen Stadium auf. Zudem können sich die Warnsignal stark unterscheiden – je nachdem, wo der Tumor sitzt.

Die Amerikanische Krebsgesellschaft hat jedoch sieben Warnzeichen für Krebs zusammengestellt, bei denen die Alarmglocken angehen sollten und die auf jeden Fall beim Arzt abgeklärt werden sollten. Zusammengefasst haben sie sie unter der plakativen Abkürzung CAUTION.

Es bedeutet „Achtung“ oder „Vorsicht“ und steht für die Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe von:

  • Veränderungen der Darm- oder Blasenfunktion (Change in bowel or bladder habits): Der Stuhl verändert Farbe oder Konsistenz. Verstopfung und Durchfall wechseln sich ab. Im Stuhl oder im Urin ist Blut.
  • Nichtheilende Wunden (sore that will not heal): Entzündete, wunde Stellen bessern sich nicht, werden größer oder schmerzhafter, fangen an zu bluten.
  • Ungewöhnliche Blutungen oder Ausfluss (Unusual discharge or bleeding): Blut im Stuhl oder im Urin, genitale Blutungen jenseits der Wechseljahre, Magenbluten, Flüssigkeitsabsonderung aus Brustwarze oder Penis.
  • Knoten (Thickening or lump in the breast, testicles or elsewhere): Fühlbare Verhärtungen in der Brust oder im Hoden, Schwellungen unter der Haut in jeder anderen Körperpartie.
  • Schluckbeschwerden (Indigestion or difficulty swallowing): Engegefühl im Hals oder in der Brust, Völlegefühl ohne viel gegessen zu haben.
  • Hautveränderung in Muttermalen, Warzen oder Schleimhaut (Obvious change in a wart or mole): Verdächtige ABCDE-Zeichen sind Asymmetrie (ungleichmäßige Form), Begrenzung (verschwommener Rand), Color (verschiedene Farbschattierungen in einem Hautmal), Durchmesser (größer als fünf, sechs Millimeter), Erhabenheit (mehr als ein Millimeter über dem Hautniveau).
  • Husten, Heiserkeit (Nagging cough or hoarseness): Raue, veränderte Stimme, anhaltender Husten, Blut im Auswurf.

Die US-Krebsgesellschaft rät immer dann zum Arztbesuch, wenn diese Beschwerden, die auf Krebs deuten können, keine andere, eindeutige Ursache haben und länger als zwei Wochen andauern.

Regelmäßige Vorsorge ist bei Krebs besonders wichtig

Weil Symptome oft erst relativ spät auftreten, sei aber gerade bei Krebs die Vorsorge jenseits eines konkreten Verdachts oder äußerlicher Auffälligkeiten elementar, betonte der Münchner Radioonkologe Hendrik Wolff bereits im vergangenen Jahr im FOCUS-Online-Interview. Schon damals schlugen Mediziner Alarm, dass viele den Arztbesuch aufgrund der Corona-Pandemie scheuen würden. „Je kleiner der Tumor ist, je schneller er entdeckt wird und je weniger Organe er schon befallen hat, desto besser ist die Prognose.“

Regelmäßige Kontroll-Termine seien daher trotz Pandemie und angesichts auch aktuell wieder deutlich steigender Fallzahlen bestmöglich einzuhalten. Auf einige Tage oder Wochen komme es bei bisher unauffälliger Krankenakte in der Regel zwar nicht an, beruhigt der Onkologe. Sie komplett ausfallen zu lassen und erst im nächsten Turnus wieder wahrzunehmen, hält er jedoch dennoch für nicht ratsam.

Denn: „Vorsorge ist immer eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Und die Wahrscheinlichkeit, eine Erkrankung möglichst früh und möglichst zuverlässig zu entdecken, um sie im Zweifel möglichst früh und gut behandeln zu können, ist zu den empfohlenen Zeitpunkten eben am höchsten.“

  • Noch mehr zur Umfrage von "Report Mainz" sehen Sie am Dienstagabend um 21.45 Uhr im Ersten.

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