Corona-Hotspots zu spät erkannt: 7-Tages-Inzidenz wird vom RKI oft falsch berechnet

Die täglich übermittelten RKI-Daten sind häufig unvollständig. Das liegt an Verzögerungen bei der Meldung neuer Corona-Fälle. Die Folge ist eine falsche 7-Tages-Inzidenz. Der Wert, auf den Bund und Länder bei der Abstimmung neuer Maßnahmen schauen, ist also in vielen Fällen nicht korrekt.

In mindestens 30 Prozent der Fälle sind die vom RKI angegebenen 7-Tages-Inzidenzen falsch. Aufgrund von Meldeverzögerungen sind die Daten des Instituts unvollständig, dadurch ergibt sich eine fehlerhafte Berechnung des Inzidenzwertes. Das zeigt eine Analyse des "Spiegel", in der die Inzidenzen zwischen dem 31. August und 12. Oktober untersucht wurden.

Die 7-Tage-Inzidenz – die Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen auf 100.000 Einwohner – gilt als die wichtigste Kennziffer, um das Ausmaß und die Entwicklung der Corona-Pandemie abzuschätzen. Angela Merkel und die Ministerpräsidenten ziehen sie zurate, um über neue Maßnahmen zu entscheiden. Von der 7-Tages-Inzidenz ist abhängig, ob es neue Kontaktbeschränkungen oder eine Maximalanzahl von Gästen bei Veranstaltungen geben muss.

Umso wichtiger ist es, dass diese Zahl korrekt ist. Schließlich könnte die Politik sonst falsche Entscheidungen treffen.

Falsch berechnet: Cloppenburg als Hotspot übersehen

Tag für Tag melden das Robert-Koch-Institut und die Gesundheitsämter der Bundesländer die Anzahl neuer Coronainfektionen. Die Werte unterscheiden sich, denn das RKI meldet erst mit einem gewissen Verzug, die Bundesländer meist bereits einen Abend zuvor. Damit kommt es zu Unstimmigkeiten, zu Unvollständigkeiten – und damit zu falschen Inzidenzen. Das zeigt sich laut Analyse am Beispiel des Landkreises Cloppenburg, einem der Corona-Hotspots in Niedersachsen.

Die Region hatte Mitte September einen starken Anstieg an Neuinfektionen verzeichnet. Damit schnellte auch die 7-Tages-Inzidenz nach oben und lag laut Gesundheitsamt etwa am 8. Oktober bei 90. Doch während das Gesundheitsamt in Cloppenburg mit der Nachverfolgung kaum noch hinterherkam, und Bundeswehr und Rotes Kreuz zu Hilfe eilen mussten, galt die Region laut RKI noch nicht einmal als Hotspot.

Am 8. Oktober ordnete das Institut dem Landkreis Cloppenburg laut Analyse eine Inzidenz von 24 anstatt von 90 zu. Damit fehlten fast drei Viertel der Infektionen. Und damit ist die Region in Niedersachsen kein Einzelfall.

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Im Detail: Wie die falschen Daten zustande kommen

Wie die "Spiegel"-Analyse zeigt, gab das Institut in mindestens 30 Prozent aller Fälle zwischen dem 31. August und 12. Oktober eine fehlerhafte Inzidenz an, die sich auf unvollständige Daten bezogen hatte. Damit liefert das Institut laut Analyse "ein verzerrtes Bild vom Infektionsgeschehen in Deutschland".

Geschuldet sind die Fehler dem Meldeprozess. Findet ein Labor einen positiven Coronafall, schickt es das Ergebnis an das lokale Gesundheitsamt. Dieses wiederum meldet den Fall an eine Landesbehörde – denn Gesundheit ist Ländersache. Dort wiederum werden die Fälle der Landkreise gebündelt und an das RKI weitergeleitet. Bis das Institut also von einem Fall erfährt, vergeht viel Zeit.

Laut "Spiegel"-Analyse führt genau diese Zeitverzögerung zu zu niedrigen Werten, etwa dann, wenn die Arbeitszeiten vor Ort nicht zu denen der Landesbehörden und jenen im RKI passen. Gegenüber dem "Spiegel" sagte der Sprecher des Landkreises Cloppenburg, ein Großteil der Testergebnisse komme nachmittags und abends. Zwar rechnet das RKI die Daten meist ebenfalls erst am Abend zusammen – die Fälle des selben Abends erreichen es in vielen Fällen jedoch gar nicht. Das niedersächsische Landesgesundheitsamt etwa leitet Daten nur bis 16 Uhr nach Berlin weiter – sie fehlen also in der Berechnung. Die Abweichung von den realen Zahlen hatte das RKI gegenüber dem "Spiegel" bestätigt – schuld sei der "Übermittlungsverzug".

7-Tage-Inzidenzwert besteht nur aus 6 Tagen

"Für viele Landkreise besteht der 7-Tage-Inzidenzwert des RKI aus nur 6 Tagen, ist also zu niedrig", twitterte auch SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach. "Weil der 7. Tag nicht rechtzeitig gemeldet wird. Geht mit 0 ein." Das müsse "dringend behoben" werden.

 

Wie der "Spiegel" in seiner Analyse anmerkt, bestehen auch zwischen den einzelnen Bundesländern große Unterschiede. Bremen, Schleswig-Holstein und Hessen lieferten im betrachteten Zeitraum meist aktuelle Daten, in Hamburg seien die RKI-Werte hingegen im Schnitt um 25 Prozent zu niedrig, in Sachsen um 19 Prozent. Demnach sei ein fairer Vergleich von Landkreisen über Bundesländergrenzen hinweg, der sich auf die Daten des RKI beziehe, kaum möglich.

Als mögliche Lösung für dieses Problem schlägt SPD-Experte Lauterbach etwa vor, fehlende Werte durch Mittelwerte der Vortage aufzufüllen. Andere Wissenschaftler erwägen eine Berechnung der Zahlen nur bis zum Vorvortag. Damit könnten die Meldeverzögerungen ausgeglichen werden.

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