Bei Gewalt gegen Frauen: "Unternehmen Sie nichts über die Köpfe der Betroffenen hinweg!"

Jede dritte Frau in Deutschland hat mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erlebt. Diese nimmt dabei unterschiedlichste Formen an: seelische, körperliche und sexuelle Gewalt innerhalb von Beziehungen, sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum, Zwangsverheiratung oder Frauenhandel. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ berät seit sieben Jahren bundesweit unter der Nummer 08000 116 016 zu allen Formen von Gewalt. Es leistet Erst- und Krisenunterstützung, rund um die Uhr, anonym, in insgesamt 17 Sprachen. Allein im vergangenen Jahr wurden mehr als 77.000 Anrufe entgegengenommen. Der stern sprach mit Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons, darüber, warum es so vielen betroffenen Frauen schwer fällt, Hilfe zu suchen, und wie man ihnen beistehen kann, wenn sie dennoch den Mut dazu finden. 

Leitet seit sieben Jahren das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ und ist seit der ersten Stunde dabei.

Über 80 qualifizierte Beraterinnen helfen unter der Telefonnummer 08000 116 016, per E-Mail sowie im Sofort- oder Termin-Chat auf www.hilfetelefon.de – kostenlos, anonym und vertraulich. Das bundesweite Angebot ist rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr erreichbar und richtet sich an gewaltbetroffene Frauen, Personen aus ihrem sozialen Umfeld sowie an Fachkräfte. Bei Bedarf kann die Beratung in 17 Fremdsprachen sowie in Deutscher Gebärdensprache und in Leichter Sprache erfolgen.

stern: Frau Söchting, viele Experten befürchten im Zuge der Corona-Ausgangsbeschränkungen eine Zunahme von Gewalt gegenüber Frauen. Haben sie in den letzten Wochen vermehrt Meldungen von Gewaltausbrüchen erreicht?

Söchting: Im April haben uns tatsächlich mehr Beratungsanfragen erreicht. Im Vergleich zum Vorjahresmonat bemerkten wir einen Anstieg von ungefähr 20 Prozent. Doch dies bedeutet nicht zwangsweise, dass es auch zu mehr Gewalttaten gekommen ist. Ich warne immer davor, diese Korrelation herzustellen. Der Anstieg kann auch etwa durch die zunehmende Bekanntheit unseres Hilfsangebots bedingt sein. Doch ich teile die Befürchtung, dass es aufgrund der Corona-Beschränkungen zu mehr Gewalt gegen Frauen kommen kann. 

Das Hilfetelefon ist für viele Betroffene oft die erste Anlaufstation. Was sind Ihre ersten Ratschläge, wenn sie ein Hilferuf erreicht? 

Ein Patentrezept gibt es nicht. Gewalt gegen Frauen hat sehr viele Gesichter, hat sehr unterschiedliche Facetten und genauso unterschiedlich sind die Anliegen und die Bedürfnisse der Frauen, sie sich bei uns melden. Uns ist es wichtig, sehr individuell zu beraten. Jede Situation und jeder Fall werden einzeln betrachtet. Das wichtigste Prinzip unserer Arbeit ist dabei stets, nichts über den Kopf der Betroffenen hinweg zu entscheiden oder zu unternehmen. 

Gibt es denn überhaupt keine Ratschläge, die ich etwa einer Freundin geben könnte, die sich in einer gewalttätigen Beziehung befindet?

Ratschläge und Tipps helfen in einer solchen Situation tatsächlich wenig. Damit setzt man die Betroffene nur zusätzlich unter Druck. Ich würde raten, der Freundin in erster Linie zu vermitteln, dass sie den richtigen Schritt gemacht hat, sich Ihnen anvertraut zu haben. Denn das ist ihr wahrscheinlich sehr schwer gefallen. Versichern Sie ihr, dass Sie an ihrer Seite sind. Bieten Sie Ihre Unterstützung an. Diese kann ganz unterschiedlich aussehen.

Häusliche Gewalt

Wenn Frauen und Kinder zu Hause geschlagen werden – und es jetzt keiner bemerkt

Man kann anbieten, Informationen über Hilfsangebote vor Ort einzuholen. Oder sie zu einer Beratungsstelle begleiten. Sie könnten gemeinsam ganz konkrete Strategien für Notsituationen vereinbaren. Dies kann ein Codewort sein, dass sie benutzt, um Ihnen zu signalisieren, dass sie einer akuten Gefahr ausgesetzt ist. Dies kann ein Notfallkoffer mit den wichtigsten Papieren und Unterlagen sein, den sie bei Ihnen deponiert, um im Notfall darauf zugreifen zu können.

Das Wichtigste ist aber, dass Sie der Betroffenen versichern, dass Sie alle Zweifel, Ambivalenzen und Widersprüche mit ihr gemeinsam durchstehen. Denn es ist eine große Kraftanstrengung, sich aus einer gewalttätigen Beziehung zu lösen. Und unternehmen Sie auf gar keinen Fall etwas ohne die Zustimmung der Betroffenen!

Häusliche Gewalt, vor allem gegen Frauen und Kinder, ist ein weltweites Verbrechen. Die Corona-Krise hat die Situation vieler Opfer noch schwieriger gemacht.

Dieses Interview ist Teil der Initiative #sicherheim. Mit Artikeln, Plakaten, ­prominenten Unterstützern und mehr wird auf das Thema aufmerksam gemacht.

Es werden auch Spenden gesammelt für Organisationen, die den Opfern in Deutschland zur Seite stehen.

#sicherheim ist eine Aktion der UFA, der Agentur „Die Botschaft“ sowie der ­Bertelsmann Content Alliance, zu der neben der UFA auch die Mediengruppe RTL, RTL Radio Deutschland, die  Verlagsgruppe Random House, die BMG und der Verlag Gruner + Jahr gehören, in dem der stern erscheint.

Bitte helfen Sie Opfern häuslicher ­Gewalt! Stiftung stern e.V. leitet Ihre Spende weiter an die Frauenhauskoordinierung e.V. (FHK), den Bundesverband der ­Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) und die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF).

Stiftung stern e.V.

IBAN: DE90 2007 0000 0469 9500 01

BIC: DEUTDEHH

Stichwort: sicherheim

Mehr Informationen finden Sie unter: www.sicherheim.org

Der entscheidende Schritt für Betroffene ist also, sich überhaupt jemandem anzuvertrauen?

Richtig. Unsere Botschaft ist: Wenden Sie sich früh nach Außen! Schämen Sie sich nicht! Erzählen Sie, was Ihnen passiert ist! Sie können sich an das Hilfetelefon wenden, an eine Beratungsstelle oder auch an jemanden aus dem sozialen Umfeld. Das Wichtige ist, dass man begreift, dass man das Recht dazu hat, Hilfe und Unterstützung zu bekommen. Diese Botschaft ist unser Beitrag zum Empowerment der Frauen. Die Betroffenen sollen sich nicht als hilflose Opfer empfinden, sondern ihre Handlungsfähigkeit spüren. 

Warum fällt es denn Frauen so schwer, sich jemandem anzuvertrauen?

Gewalt bedeutet nicht nur körperliche Verletzungen, sondern auch Demütigung und Erniedrigung – und das auch noch im direkten sozialen Umfeld. Das führt dazu, dass Frauen sich oft dafür schämen, dass ausgerechnet ihnen Gewalt widerfahren ist. Sie geben sich eine Mitschuld, hinterfragen ihr Verhalten. Viele fürchten auch, dass ihnen gar nicht geglaubt wird. Andere haben Angst vor weiteren Drohungen und Eskalationen. 

Wie nehmen Sie den Frauen diese Ängste?

Zunächst haben wir unser Angebot so gestaltet, dass der Schritt sich an uns zu wenden, möglichst wenig Überwindung kostet. Wir stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Der Kontakt zu uns ist kostenlos, aber vor allem vertraulich und anonym. Man muss seine Identität nicht offenbaren. Das ist eine ganz wichtige Voraussetzung dafür, dass Frauen überhaupt diesen ersten Schritt wagen. 

Unsere Beraterinnen sind fachlich spezialisiert und professionell. Das sind Pädagoginnen, Sozialarbeiterinnen, Diplom-Psychologinnen, die jeden einzelnen Fall ernst nehmen und individuell behandeln. Wir geben Informationen, zeigen Handlungsmöglichkeiten auf und wir unternehmen nichts ohne die Zustimmung der Frauen! Sie treffen jede einzelne Entscheidung selbst. Denn sie sind diejenigen, die die Kontrolle über ihr Leben haben. 

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