Abenteuerliche Fehleinschätzungen: Psychiater kritisiert Blick auf Würzburger Täter

Die Täter von Würzburg, Frankfurt und Hanau litten wahrscheinlich an akuter Schizophrenie, sagt Psychiater Manfred Lütz. Aber in der öffentlichen Diskussion sei vor allem von Rassismus, Terrorismus und einem Integrationsproblem die Rede gewesen. „Eine abenteuerliche Fehleinschätzung“, wie Lütz findet.

Dieser Beitrag geht jeden an. Ein Drittel von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, werden irgendwann im Leben psychisch krank und die anderen zwei Drittel haben Angehörige oder gute Freunde, die psychisch krank sind. Dennoch wette ich, dass Sie im Grunde keine Ahnung von psychischen Krankheiten haben.

Über das psychische Befinden von Bäumen sind Deutsche inzwischen durch zahllose Bestseller von Herrn Wohlleben bestens aufgeklärt. Dass Bäume im Grunde insofern auch nur Menschen sind, weiß also jeder. Aber der Zustand der psychisch kranken Nachbarin ist denselben Leuten nach wie vor unglaublich rätselhaft. Dabei sind doch Menschen viel interessanter als Bäume, denn selbst sehr lebendige Bäume sind bei aller Liebe immer ein wenig hölzern.

Mangelnde Aufklärung bei psychischen Erkrankungen

Dass viele Menschen so wenig über die menschliche Psyche, vor allem ihre Erkrankungen, wissen, liegt daran, dass dieser Bereich den meisten unheimlich ist. Angst hat man aber vor allem vor dem Unbekannten. So beißt sich die Katze in den Schwanz: Weil „Psycho“ so unheimlich ist, befasst man sich nicht damit und weil man sich damit nicht befasst, bleibt es unheimlich. Das Ergebnis ist jedenfalls, dass die Kenntnisse der Öffentlichkeit über psychische Erkrankungen in weiten Bereichen immer noch mittelalterlich sind. Viele hoffen wohl auch, sie könnten sich ja immer noch darüber informieren, wenn es so weit ist.

Manfred Lütz ist Psychiater und Psychotherapeut, er leitete über 20 Jahre das Alexianer Krankenhaus in Köln. Kürzlich erschien im Kösel-Verlag sein Buch „Neue Irre! Wir behandeln die Falschen. Eine heitere Seelenkunde“.

Dann aber ist es definitiv zu spät. Solange es an Aufklärung mangelt, wird das Wissensvakuum gewöhnlich großzügig mit so genanntem „gesundem Menschenverstand“ gefüllt, nach dem Motto: Natürlich wird man sich nicht in die Frage einmischen, wie man eine anständige Herzoperation durchführt, aber bei psychischen Auffälligkeiten, da hat man schließlich seine Lebenserfahrung. 

Familie und Freunde geben oft lebensgefährliche Tipps

Und die besagt, dass vor allem Stress, Lieblosigkeit und besonders der schlechte Einfluss der Erziehungsberechtigten zu psychischen Krankheiten führe und dass man dann immer ganz viel Psychotherapie brauche und sich bloß nicht „mit Medikamenten vollstopfen lassen“ sollte. In diesem letzten Satz sind alle Aussagen kompletter Quatsch und sogar lebensgefährlicher Quatsch, denn nicht selten habe ich erlebt, dass aufgrund solcher „guter Ratschläge“ rührende Eltern verzweifelten oder Patienten ihre Medikamente absetzten, wieder erkrankten – und sich dann umbrachten.

Die Behandlung psychischer Störungen bedarf mindestens genauso hoher professioneller Kompetenz wie die Behandlung von Herzkrankheiten und leider wissen die meisten auch nicht, dass die Psychiatrie die erfolgreichste medizinische Disziplin der vergangenen 50 Jahre ist.

Journalisten verbreiten bei Würzburger-Messerangriff Fehleinschätzungen

Die unbedarften Auffassungen über psychische Erkrankungen führten zuletzt beim Würzburger Täter zu abenteuerlichen Fehleinschätzungen. Journalisten recherchierten munter in die völlig falsche Richtung. Der Würzburger Täter hat mit einem Messer zugestochen und wohl „Allahu akbar“ gerufen – also muss er natürlich Terrorist und Islamist sein; er ist Flüchtling, also ist das Ganze natürlich ein Integrationsproblem, fremde Kultur, Sie wissen schon. Würde man sich genauer auskennen, wüsste man, dass Schizophrenie kulturübergreifend etwa ein Prozent der Bevölkerung betrifft, also in Deutschland und Somalia gleichermaßen.

Da stellt sich schon fast die Frage, ob es eigentlich Rassismus ist, wenn wir Menschen mit Migrationshintergrund nicht dieselben psychischen Krankheiten zutrauen wie unsereins. Auch beim Hanauer Fall, wo ein Deutscher „ausländisch aussehende“ Menschen – aber auch seine Mutter – tötete und bei dem afrikanischen Patienten, der in Frankfurt unter dem Eindruck eines plötzlich aufgetretenen Wahns ein achtjähriges Kind vor einen Zug stieß, lag eine akute Schizophrenie vor.

Diskussionen bei Tätern mit Schizophrenie gehen in falsche Richtung

Leider betreffen aber die Debatten darüber, wie man so etwas künftig verhindern könnte, nicht den Kern des Problems. Wenn jemand akut schizophren ist, wenn er ganz im Bann seines Wahns steht und dabei zunehmend Gewaltphantasien auftauchen – wie in Hanau: Der Täter wollte mit wenigen Ausnahmen die ganze Menschheit vernichten! – oder wenn wiederholt reale Drohungen mit Gewalt, das Herumfuchteln mit einem Messer etc. auftreten – wie in Würzburg – , dann sollte man einen solchen Patienten auch gegen seinen Willen behandeln können.

Doch genau das ist rechtlich in Deutschland zurzeit oft nicht möglich und darüber bedarf es einer kritischen, womöglich kontroversen gesellschaftlichen Debatte. Höchstrichterliche Entscheidungen auf diesem Feld haben nämlich in den vergangenen Jahren die Hürde für Behandlungen ohne oder gegen den Willen eines Patienten immer höher gelegt. Die Richter folgten da der Diktion einer kleinen, aber lautstarken Gruppe von Psychoseerfahrenen, die für sich die „Freiheit zur Krankheit“ reklamieren. Das kann man respektieren. Demgegenüber aber hat Klaus Gauger in seinem eindrucksvollen Buch „Meine Schizophrenie“ dagegen protestiert, dass diese deutsche Rechtslage ihm persönlich seine „Freiheit zur Gesundheit“ vorenthalten habe.

 

Jahrelang war er in seinem Wahn durch die ganze Welt gejettet, hatte sich dabei mehrfach in Lebensgefahr gebracht, bis er endlich in Spanien unter dem Druck einer Zwangsbehandlung von seinem Wahn nachhaltig befreit wurde. Neuroleptische Medikamente und psychische Unterstützung können nämlich in einem Drittel der Fälle Schizophrenie heilen, in zwei Dritteln werden die Patienten voll berufsfähig, nur ein Drittel bleibt chronisch krank, kann aber mit modernen Hilfen ein durchaus glückliches Leben führen. Aber wer weiß das heute schon!

Früher waren Richter besser über psychische Krankheiten informiert

Noch vor 50 Jahren, als die Psychiatrie-Reform nach der bahnbrechenden Psychiatrie-Enquete von 1975 mit großem Elan begann, waren Richter über die Möglichkeiten moderner Psychiatrie bestens informiert, denn es gab damals bis in die Politik hinein eine rege öffentliche Debatte. Es ging um Selbstbestimmung der Patienten, um gemeindenahe Psychiatrie und die Auflösung oder radikale Verkleinerung der riesigen „Irrenanstalten“.

Doch der große Erfolg dieser Bewegung hat die Psychiatrie wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Das merkt man gewissen Gerichtsurteilen an, die ihre Kenntnisse von Psychiatrie offensichtlich noch aus dem Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ schöpfen, Psychiatrien für schlimmer als Gefängnisse halten, psychiatrische Behandlung für eine Art von Folter und Psychiater offenbar für Menschen, die gerne ihre Patienten quälen.

Das zeigt sich allein schon daran, dass es in jüngster Zeit Richter gibt, die zwar eine Zwangseinweisung beschließen, aber keine Zwangsbehandlung. Damit wird die Psychiatrie zum Gefängnis und das, weil solche Richter nicht verstehen, dass die Vorenthaltung einer wirksamen psychiatrischen Behandlung im Grunde unterlassene Hilfeleistung ist. Die meisten zwangsbehandelten Patienten sind im Nachhinein von Herzen dankbar dafür.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Moderne Psychiatrie richtet sich ganz nach der Selbstbestimmung der Patienten aus, der Patient bestimmt das Ziel und wir haben als Psychiater diesem Ziel auf dem Stand der heutigen Wissenschaft zu dienen. Auch wir Psychiater wollen stationäre Behandlungen so kurz wie möglich halten und haben es geschafft, die durchschnittliche Liegezeit in deutschen Psychiatrien auf etwa 3 Wochen zu reduzieren. Ein wichtiger Fortschritt!

Selbstbestimmung der Menschen wird durch Krankheit eingeschränkt

Auch wir wollen unsere Patienten zu nichts zwingen und die allermeisten Behandlungen finden natürlich freiwillig statt. Wenn aber, wie in ganz weniger Fällen und da oft nur kurzzeitig, die Selbstbestimmung eines Menschen durch die Erkrankung stark eingeschränkt oder gar aufgehoben ist, dann sollte man einen Patienten auch in dessen eigenem Interesse kurzzeitig gegen seinen Willen behandeln können, selbst wenn er nicht akut selbst- oder fremdgefährdend ist.

Wäre das rechtlich möglich, würde das gar nicht unbedingt zu vermehrten Zwangsbehandlungen führen, aber der sozialpsychiatrische Dienst hätte den Hanauer Täter vielleicht engmaschiger überwacht, wohl wissend, dass er im Zweifel handeln könnte und auch in Würzburg hätten die Psychiater wenigstens die Möglichkeit gehabt, einen aussichtsreichen Behandlungsversuch zu unternehmen. So aber veranlassen viele Psychiater in solchen Fällen keine Zwangsbehandlung, weil sie ohnehin wissen, dass ihr zuständiges Gericht nur handelt, wenn schon etwas passiert ist.

An diesen Beispielen wird deutlich, dass Aufklärung über psychische Krankheiten nicht nur eine Frage der Allgemeinbildung ist, sondern auch für substanziellere rechtspolitische und andere Debatten sorgen würde. Man muss wissen, dass psychisch Kranke weniger häufig straffällig sind als „Normale“, dass die meisten psychischen Krankheiten heilbar sind und dass psychisch Kranke keineswegs „Sensibelchen“ sind, die der erste kleine Windstoß umwirft.

Menschen müssen über psychische Krankheiten aufgeklärt werden

Das ist der Grund, warum ich verstärkt versuche, psychiatrisches Wissen unter die Leute zu bringen. Mein Buch „Neue Irre! Wir behandeln die Falschen. Eine heitere Seelenkunde“ umfasst auf unter 200 Seiten unterhaltsam und allgemeinverständlich alle Psycho-Diagnosen und -Therapien auf dem heutigen Stand der Forschung. Ich habe es von den führenden deutschen Experten vorher lesen lassen, damit alles stimmt, aber auch von unserem Metzger, damit es verständlich bleibt.

Auch im Kabarett habe ich versucht, sozusagen die Spaßgesellschaft mit diesem Thema zu erreichen, denn bei den gängigen „Entstigmatisierungsveranstaltungen“ erreicht man nur „die üblichen Verdächtigen“, Menschen also, die sich ohnehin schon – meist aus persönlicher Betroffenheit – für das Thema interessieren.

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    Im Grunde aber muss jeder wissen, was Demenz ist und wie man damit umgeht, dass Depressionen heilbar sind, aber nur mit professioneller Therapie und nicht mit gutem Zureden – das alles meist noch schlimmer macht. Jeder muss wissen, ab wann Alkoholabhängigkeit beginnt und wie man jemanden dahin bringen kann, dagegen erfolgreich anzugehen und schließlich was man von Persönlichkeitsstörungen wie dem Borderline-Syndrom zu halten hat, von Essstörungen, Panikattacken, Angststörungen etc.

    Es ist gar nicht so schwierig, da wenigstens den Überblick zu bekommen und zugleich ist das kein nutzloses Wissen, wie es in Quizshows abgefragt wird, wo man gewinnen kann, wenn man den durchschnittlichen Durchmesser einer Klopapierrolle in Deutschland kennt. Wer sich ein wenig auskennt auf dem Feld der psychischen Krankheiten, kann Freunden und Angehörigen, die da erkranken, wirklich helfen, durch besseres Verständnis und kompetentere Begleitung.

    Nicht zuletzt aber läuft man dann nicht Gefahr, ganz normale aber merkwürdige Menschen fälschlicherweise mit diagnostischen Begriffen zu belegen, die dann meist als Beschimpfungen gedacht sind, andererseits aber kranke Täter zu hassen, die in Wirklichkeit Anspruch auf unserer Mitgefühl hätten und auf professionelle Behandlung, die sie möglicherweise gar nicht erst zu Tätern werden ließe.

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