Land der begrenzten Lebensmöglichkeiten

Todesfälle durch Drogen, Alkohol und Suizide tragen wesentlich dazu bei, dass in den USA die Lebenserwartung sinkt. Das berichten zwei US-Forscher im Fachblatt „Jama“ .

Steven Woolf und Heidi Schoomaker haben die Lebenserwartung in den USA in den Jahren 1959 bis 2017 analysiert und ermittelt, aus welchen Gründen sie zunächst stagnierte und nun sogar sinkt.

1959 lag die Lebenserwartung für ein in den USA zur Welt gekommenes Baby bei 69,9 Jahren, 2017 waren es 78,6 Jahre. Den größten Anstieg in der Lebenserwartung verzeichnete das Land in den Siebzigerjahren. Bereits seit den Achtzigerjahren stieg sie deutlich langsamer an. Ab 2011 stagnierte sie, seit 2014 sinkt sie sogar leicht: von 78,9 auf 78,6 Jahre.

Schoomaker und Woolf berichten, dass besonders die Zahl der Todesfälle in der Altersgruppe zwischen 25 und 64 Jahren gestiegen ist und hier vor allem Drogen, Alkoholsucht und Suizide eine Rolle spielen. So starben etwa im Jahr 1999 sieben von 100.000 Menschen dieser Altersgruppe an einer Überdosis, im Jahr 2017 dagegen waren es 32 von 100.000. Doch auch eine ganze Reihe verschiedener Krankheiten trug dazu bei, dass mehr US-Amerikaner vor ihrem 65. Geburtstag starben.

Was sind weitere mögliche Ursachen?

Das Gesundheitssystem der USA ist eines der teuersten der Welt, pro Kopf gerechnet. Doch viele Menschen können sich die Behandlungen nicht leisten, denn eine grundsätzliche Krankenversicherung für alle Bürger gibt es in den USA nicht. Dennoch zögern die beiden Forscher, dies als Ursache für die gesunkene Lebenserwartung zu sehen. Denn das könne nicht erklären, warum die Zahl der Todesfälle von Menschen unter 65 Jahren durch manche Krankheiten stark gestiegen, durch andere aber auch stark gesunken sei. Sie merken aber an, dass Länder mit höherer Lebenserwartung als die USA auch besser darin sind, ihren Bürgern Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Wirtschaftliche Nöte tragen aus ihrer Sicht möglicherweise zum Sinken der Lebenserwartung bei. Bereits in den Achtziger- und Neunzigerjahren begann die Zahl der Todesfälle von unter 65-Jährigen zu steigen; nur durch positive Trends in anderen Altersgruppen stieg die Lebenserwartung insgesamt. In diesen Jahrzehnten kam es in den USA in einigen Branchen zu einem starken Stellenabbau, die Schere zwischen arm und reich wurde größer. In einem begleitenden Kommentar in „Jama“ schreiben drei Forscher, aktuell liege die Lebenserwartung des ärmsten ein Prozent der Bevölkerung und des reichsten ein Prozent bei Männern um 14 Jahre auseinander, bei Frauen um 10 Jahre.

Tabakkonsum bleibt ein wichtiger Faktor, auch wenn die Zahl der Raucher in den USA inzwischen sinkt. In früheren Jahren konnte demnach der vergleichsweise hohe Anteil an Rauchern zu einem großen Teil die geringere Lebenserwartung in den USA erklären.

Übergewicht mit möglichen Folgeerkrankungen wie etwa Herzkreislaufleiden trägt aus Sicht der Forscher ebenfalls dazu bei, dass die Lebenserwartung sinkt. Allerdings hätten Länder wie Australien, in denen ähnlich viele Menschen rauchen oder übergewichtig sind, in den vergangenen Jahren einen größeren Zuwachs an Lebenserwartung verzeichnet als die USA.

Zunehmender psychischer Stress könnte einer der Gründe für die steigende Zahl an Todesfällen durch Drogen, Alkohol und Suizid sein. Allerdings sind die beiden Wissenschaftler skeptisch, denn die Daten zur Häufigkeit von chronischem Stress und psychischen Krankheiten seien nicht eindeutig. Aber es gebe Hinweise darauf, dass die Zahl derer steige, die unter Stress, Angst oder Depression leiden, insbesondere bei den jungen Erwachsenen.

Die Opioid-Epidemie sehen die Forscher dagegen klar als einen der Treiber fürs Sinken der Lebenserwartung. Die Zahl der Drogentoten stieg stark an, nachdem im Jahr 1996 das Schmerzmittel Oxicontin auf den Markt kam. Patienten, die abhängig von dem sogenannten Opioid wurden, wechselten zum Teil auf Heroin, wodurch die Zahl der Heroinsüchtigen infolge anstieg.

Was tun?

Dass es nicht eine einzelne Ursache gibt, sondern eine ganze Reihe möglicher Gründe, macht es schwieriger, Lösungen zu finden und umzusetzen. Im Kommentar im „Jama“ weisen die Forscher unter anderem darauf hin, dass Drogenabhängige besser medizinisch versorgt werden müssen. Angesichts der steigenden Suizidrate schreiben die Wissenschaftler, man bräuchte „Strategien, um Selbstverletzungen in Verbindung mit dem Zugriff auf Schusswaffen während emotionaler Krisen zu reduzieren“. In einem Land mit weniger mächtiger Waffenlobby hätte man an dieser Stelle wohl einfach gefordert, den Besitz von Schusswaffen stärker zu reglementieren.

Und wie lässt sich Übergewicht bekämpfen? „Mutige Veränderungen müssen Familien und Einzelne unterstützen, weniger Zeit vorm Bildschirm zu verbringen und aktiver zu werden. Die gesündere Essenswahl zu Hause, in der Schule oder bei der Arbeit muss auch die einfachere sein.“ Wie das in der Praxis gelingen soll, beantworten sie leider nicht.

Sicher sind sich die Autoren indes, dass jetzt etwas getan werden muss. Sonst würde das Sinken der Lebenserwartung in der USA zur traurigen Normalität.

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