Wie Gesundheitsminister Spahn die Deutschen zu Spendern machen will

Mit einem Gesetzesvorstoß und einer breiten öffentlichen Debatte will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende steigern.

Jeder sollte sich einmal im Leben der Thematik stellen und entscheiden, ob er im Todesfall Organe spenden würde, sagte Spahn bei einem Besuch des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein am Freitag in Kiel. Dies sei man den Patienten schuldig, die in Deutschland auf den Wartelisten für eine Transplantation stünden. Rund 40 Prozent der Deutschen haben dem Minister zufolge einen Organspender-Ausweis, 84 Prozent begrüßen Umfragen zufolge die Option im Grundsatz. „Also, da ist noch Potenzial“, sagte Spahn. Am Samstag wird bundesweit der Tag der Organspende begangen.

Eine Niere für vier Patienten

Über 10.000 Kranke warten laut Vermittlungsstelle Eurotransplant in Deutschland auf ein Spenderorgan. „Täglich sterben statistisch gesehen drei von ihnen, weil für sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ verfügbar ist“, weiß die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO).

Auf eine Niere – das am häufigsten benötigte Spenderorgan – warten etwa viermal so viele Menschen, wie es Organe gibt. Durchschnittliche Wartezeit: etwa sechs Jahre.

Derzeit sieht es nicht so aus, als würde sich die Situation der Betroffenen bald verbessern: 2017 hat die Zahl der Organspender in Deutschland einen neuen Tiefpunkt erreicht. Laut DSO gab es nur noch 797 Spender – nochmal 60 weniger als im Vorjahr. Das war der niedrigste Stand seit 20 Jahren. In Deutschland gibt es jetzt weniger als zehn Spender pro eine Million Einwohner. Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO, spricht von „einer dramatischen Entwicklung“.

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Gesetzentwurf für September angekündigt

Spahn kündigte an, nach der Sommerpause im September einen Gesetzesentwurf vorzulegen, um eine bessere finanzielle Ausstattung der Kliniken zu erreichen. „Es soll kein Minusgeschäft sein“, sagte Spahn über die seiner Meinung nach unzureichende Vergütung für Organentnahmen. Außerdem wolle er in dem Gesetz die Situation der Transplantationsbeauftragten an den Kliniken verbessern. Sie müssten genügend Zeit haben, um mit Angehörigen und Klinikleitung alle wichtigen Fragen zu erörtern.

„Ob ich darüber hinaus einen Vorschlag mache, das lasse ich mir noch offen bis September“, sagte Spahn mit Blick auf die Diskussion über die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung oder einer verpflichtenden Entscheidungslösung, wie sie Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) zuletzt vorgeschlagen hat. Bislang muss sich niemand in Deutschland erklären, ob er für eine Organspende bereit ist oder nicht. Krankenkassen und der Bund setzen auf Aufklärungskampagnen und werben für den Organspender-Ausweis, den auch Spahn hat.

Widerspruchslösung könnte Spender-Zahlen erhöhen

In Ländern wie Frankreich, Italien oder den Niederlanden gilt die Widerspruchslösung: Jeder ist danach Organspender, es sei denn, er erklärt sich ausdrücklich dagegen. Die verpflichtende Entscheidungslösung würde nach den Vorstellungen von Garg bedeuten, dass jeder sich erklären müsste – etwa wenn er einen Personalausweis, Reisepass oder Führerschein beantragt.

Wer bereit wäre, seine Organe im Todesfall zu spenden, der bekäme einen Sticker – etwa in Herzform – auf seinen Ausweis. Sollte jemand seine Meinung ändern, bräuchte er dies nur digital einem Melderegister mitteilen und den Sticker auf seinen Papieren entfernen. Ein neuer Ausweis wäre nicht nötig. Die USA haben laut Garg mit diesem Modell die Zahl der Organspender schon deutlich erhöhen können.

Schwere Jahre für die Organspende in Deutschland

Garg möchte seinen Vorschlag auf der Gesundheitsministerkonferenz am 21./22. Juni in Düsseldorf auch Spahn vorstellen. Der Bundesminister zeigte sich in Kiel aufgeschlossen, er spreche immer wieder mit Garg, werde sich aber alle Vorschläge anhören. Es gehe darum, „ob wir eine höhere Verpflichtung hinbekommen“. „Ich kann mir das grundsätzlich gut vorstellen, eine solche Situation zu schaffen, wo sich jeder mal mit dem Thema beschäftigen muss“, sagte Spahn. Er rief dazu auf, in den Familien über diese ethische Grundsatzfrage zu sprechen.

Für ein grundsätzliches Umdenken ist Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). „Wir brauchen in Deutschland eine Widerspruchslösung. In den meisten EU-Staaten wird das bereits praktiziert. Anders werden wir die dramatische Entwicklung bei den Spenderzahlen in Deutschland und Nordrhein-Westfalen nicht aufhalten können“, sagte Laumann am Freitag. Er persönlich könne sich eine Widerspruchslösung mit Einspruchsrecht der Angehörigen vorstellen, wenn ein potenzieller Organspender zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Auf Bundes- als auch auf Länderebene sei eine breite Debatte nötig, wie man eine Widerspruchslösung konkret umsetzen könne.

Die Kliniken haben bei der Organspende eine Schlüsselstellung, wie Laumann betonte. „Leider werden in vielen Krankenhäusern bisher nicht alle Menschen erkannt, die zur Organspende bereit sein könnten. Dadurch gehen mögliche Spenden verloren“, kritisierte Laumann.

„Wir hatten echt schwere Jahre für die Organspende in Deutschland – auch mit Skandalen in Kliniken“, räumte Spahn ein. Diese Fälle hätten aber vor allem die Vergangenheit betroffen. Inzwischen seien die Abläufe überarbeitet und neue Richtlinien mit größerem Aufwand eingeführt worden. „Jetzt geht es darum, schrittweise Vertrauen zurückzugewinnen“, sagte der Minister. Die Zahl der tatsächlichen Organspender in Deutschland sank von 2010 bis 2017 von 1300 auf 769.

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