Blaseninfektionen: Wie Cranberries Bakterien empfindlicher für Antibiotika machen

Wechselwirkung zwischen Moosbeeren und Bakterien entdeckt

Die großfrüchtige Moosbeere ist besser bekannt unter ihrem englischen Namen Cranberry. Die Verwandte der Heidel– und Preiselbeere enthält reichlich Vitamine und Mineralstoffe. Der Beere wird eine heilsame Wirkung bei Harnwegsinfekten nachgesagt. Die wissenschaftlichen Beweise fehlten jedoch bislang. Jetzt hat ein kanadisches Forschungsteam tatsächlich eine Wechselwirkung zwischen Cranberry-Extrakt und Bakterien nachgewiesen.

Kanadische Forschende der McGill University in Montreal wollten im Rahmen einer Studie herausfinden, ob die Inhaltsstoffe der Cranberry tatsächlich gegen Bakterien wirken. Sie brachten Bakterien im Labor mit Cranberry-Extrakt in Kontakt und dokumentierten die Reaktionen. Die Ergebnisse waren erstaunlich: Die Beeren sorgten dafür, dass sich die Zellwände der Erreger verdünnten und sie so anfälliger für Antibiotika wurden. Die Studie wurde kürzlich im Fachjournal „Advanced Science“ vorgestellt.

Cranberrys auf dem Prüfstand

Die weltweite Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen hat die Menschheit um Jahrzehnte im Kampf gegen bakterielle Infektionen zurückgeworfen. Der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Medizin und in der Viehzucht hat dazu geführt, dass heute Infektionskrankheiten, die früher gut therapierbar waren, wieder häufiger tödlich enden. Auf der Suche nach neuen Wirkstoffen wendete sich ein kanadisches Forschungsteam der aus der Naturheilkunde bekannten antibakteriellen Wirkung der Cranberry zu, um wissenschaftlich zu prüfen, ob sich der besagte Effekt nachweisen lässt.

Cranberrys strotzen vor gesunden Inhaltsstoffen

Cranberrys sind in Nordamerika äußerst beliebt für ihren herben Geschmack und für ihre gesunden Inhaltsstoffe. Sie sind reich an Vitamin C, Provitamin A, Vitamin B6, Vitamin K, Eisen, Kalzium, Kalium, Magnesium, Natrium und Folsäure. Zudem enthalten sie sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole und Anthocyane. In Deutschland ist die Beere eher ein Exot, erfreut sich aber zunehmender Beliebtheit und ist in jedem größeren Supermarkt erhältlich. Neben den gesunden Inhaltsstoffen hat die großfrüchtige Moosbeere aber noch einen ganz anderen Effekt. Sie wirkt auf Bakterien ein, wie die kanadische Forschungsgruppe der McGill University zeigte.

Antibiotika macht bakterielle Erreger resistent

Die Forschenden wollten mehr über die molekularen Eigenschaften der Beere herauszufinden, indem sie verschiedene Bakterienstämme mit Cranberry-Extrakt behandelten. Die ausgewählten Bakterien (Proteus mirabilis, Pseudomonas aeruginosa und Escherichia coli) sind häufige Erreger von Harnwegsinfektionen, Lungenentzündungen und Gastroenteritis. Auch sind die Keime bekannt dafür, dass sie oft Resistenzen bilden, wenn sie mit Antibiotika in Kontakt kommen. „Wenn wir Bakterien im Labor mit einem Antibiotikum behandeln, werden sie im Laufe der Zeit resistent“, berichtet Hauptautorin Nathalie Tufenkji in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen.

Die dreifach antibakterielle Wirkung der Cranberry

Die Laboranalysen ergaben, dass die Cranberry gleich in dreifacher Weise auf die Bakterien einwirkte. Zum einen machte das Extrakt die Bakterienzellwand durchlässiger für das Antibiotikum. Zum anderen störte die Cranberry-Substanz einen Mechanismus der Bakterien, mit dem die Erreger probieren, sich schädlicher Stoffe zu entledigen. Darüber hinaus verhinderte der Cranberry-Wirkstoff, dass sich Resistenzen bilden. „Als wir die Bakterien gleichzeitig mit einem Antibiotikum und dem Cranberry-Extrakt behandelt haben, hat sich keine Resistenz entwickelt“, beton Tufenkji. Diese Ergebnisse haben die Forschenden sehr überrascht.

Die Forschungsergebnisse im Überblick

Nachdem ein Cranberry-Extrakt auf die untersuchten Bakterien eingewirkt hat, konnte das Antibiotikum leichter in sie eindringen, gleichzeitig hatten die Bakterien größere Schwierigkeiten, es wieder loszuwerden und konnten keine Resistenzen bilden. Antibiotika zeigten so auch in niedrigen Dosen eine höhere Wirksamkeit. „Wir sehen darin eine wichtige Chance“, betont die Forschungsleiterin.

Woher stammt die Wirkung?

„Die Wechselwirkung wird von Molekülen erzeugt, die als Proanthocyanidine bezeichnet werden“, erklärt Professor Éric Déziel, ein Co-Autor der Studie. „Es gibt verschiedene Arten von Proanthocyanidinen und sie arbeiten zusammen, um diese Wirkung auf die Bakterien zu erzielen.“ In einer weiteren Studie will das Team nun die optimale Zusammensetzung der Proanthocyanidine herausfinden, die eine maximale Synergie mit Antibiotika ermöglicht.

Naturheilkunde und moderne Forschung Hand in Hand

Dies ist bereits die zweite Studie innerhalb kurzer Zeit, die antibakterielle Effekte untersucht, die aus der Naturheilkunde bekannt sind. Erst kürzlich nahm ein amerikanisches Forschungsteam Stoffe aus der Naturheilkunde unter die Lupe, die im Bürgerkrieg aus Mangel an Medikamenten gegen Wundinfektionen eingesetzt wurden. Für weitere Informationen hierzu lesen Sie den Artikel: Traditionelle Pflanzenmedizin als antibakterielles Wundermittel wiederentdeckt. (vb)

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