Keine Kohle für Verhütung

Zugang zu Verhütungsmitteln haben wir alle – oder? Die Antwort lautet: nein.

Obwohl verschiedene Mittel in Apotheken oder über das Internet gekauft werden können, sind sie in der Realität längst nicht für alle verfügbar. Der simple Grund: Hierzulande kosten Verhütungsmittel Geld. Die Summen reichen von einigen Euro pro Monat für günstige Pillenpräparate bis zu 400 Euro für eine Spirale, die mehrere Jahre hält.

„Mich haben schon viele Frauen gebeten, ihre Spirale in Raten abstottern zu dürfen“, sagt Dorothee Struck, Gynäkologin aus Kiel. „Ein paar Euro machen am Ende des Monats einen wichtigen Unterschied.“ Für Geringverdienende, Studierende und Hartz-IV-Empfängerinnen stellen die Kosten eine – mitunter unüberwindbare – Hürde dar.

Und das hat Konsequenzen: Geringverdienende unterbrechen die Verhütung häufiger, ungeplante Schwangerschaften und Abbrüche sind die Folge. Das zeigen Studienergebnisse, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zusammengefasst hat. „Coitus interruptus ist kostenlos – aber auch sehr unsicher“, sagt Struck. In ihrer Praxis betreut sie auch Frauen, die mitunter mehrere Schwangerschaftsabbrüche hinter sich haben. „Eine finanziell schwache Patientin, die mit 23 ihr zweites Kind bekam, weinte vor Dankbarkeit, als ich ihr damals noch auf der Wöchnerinnenstation die Kostenübernahme für eine Spirale ausfüllte“, sagt Struck.

Bis 2004 wurden die Kosten für ärztlich verordnete Mittel noch von den Sozialämtern übernommen. „Inzwischen geht das nicht mehr“, sagt Struck, „der Zugang zu Verhütung ist seither schlechter geworden.“

Erstattungen maximal bis 21 Jahre

Heute erstatten die gesetzlichen Krankenkassen Frauen unter 22 Jahren verschreibungspflichtige Verhütungsmittel. Dazu zählen hormonelle Methoden wie die Anti-Baby-Pille, Verhütungsring oder Implantat. Verhütungsmittel, die keine Medikamente sind und daher kein Rezept benötigen, müssen selbst bezahlt werden. Dazu gehören Kondome, Diaphragmen und Hilfsmittel zur symptothermalen Methode wie Basalthermometer oder Zykluscomputer.

„Ich kannte eine Patientin, die ein erhöhtes Schlaganfallrisiko hatte und nicht hormonell verhüten durfte“, erzählt Struck. „Also sollte sie eine Kupferspirale bekommen. Doch kein Arzt in ihrer Gegend erklärte sich bereit dazu.“

Die Grünen und Die Linke versuchten, das zu ändern. Sie stellten im Sommer 2018 zwei Bundestagsanträge. Die Grünen wollten kostenlose Verhütungsmittel für Menschen mit geringem Einkommen, Die Linke forderte kostenfreien Zugang für alle und zu allen Methoden. Im Februar wurden sie vom Bundestag mit großer Mehrheit abgelehnt.

Beispielländer Belgien, Großbritannien, Frankreich

Im EU-Verhütungsatlas 2018 sind Belgien, Frankreich und Großbritannien die Spitzenreiter. In den ersten beiden gibt es Erstattungen für Jugendliche und Geringverdienende, in Großbritannien sind 15 Verhütungsmittel für die gesamte Bevölkerung kostenlos. „In Großbritannien bietet der National Health Service (NHS) günstige Generika an“, sagt Struck. „Bei den kostenfreien Spiralen gibt es nicht viele Größen zur Wahl, dafür aber eine klare, einheitliche Regelung. Deutschland ist dagegen sehr schlecht aufgestellt.“

Immerhin: Es gibt einzelne Ansätze zu kostenfreier oder kostenreduzierter Verhütung. Manche Kommunen bieten die Kostenübernahme ärztlich verordneter Verhütungsmittel an – sofern man dies beantragt und geringes Einkommen nachweist. In Berlin gilt dies auch für Kondome. Außerdem läuft aktuell in sieben deutschen Städten das Modellprojekt biko – Beratung, Information und Kostenübernahme. Über das profamilia-Projekt können Frauen mit wenig Geld rezeptpflichtige Verhütungsmittel kostenfrei bekommen.

Alexandra Ommert, Biko-Projektleiterin, ist sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf: „An allen sieben Standorten gibt es eine hohe Nachfrage und positive Resonanz. Wir haben viel Öffentlichkeitsarbeit geleistet und uns mit regional ansässigen Ärztinnen und Apothekern vernetzt, die die Verhütungsmittelkosten dann direkt mit profamilia abgerechnet haben.“ Biko läuft noch bis Ende Juni, im September 2019 sollen konkrete Zahlen und Resultate vorliegen.

Information und Partnerschaftlichkeit

Eines fällt allerdings auf: Männer kommen bei der Diskussion über Verhütung wenig vor. Ist es (wieder) so selbstverständlich, dass sich Frauen Verhütungsmittel verschreiben lassen, einnehmen und bezahlen, obwohl Männer gleichermaßen an Sex und den Risiken wie ungeplanter Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten beteiligt sind?

Wenn ich heute Patientinnen frage, ob ihr Partner sich an den Kosten beteiligt, ernte ich verwirrte Blicke“, sagt Struck. Da fühle sie sich wie ein Dinosaurier aus den feministischen Achtzigerjahren, wo es für viele selbstverständlich war, dass die Männer jede zweite Tube vom Diaphragma-Gel oder Kondome bezahlten. „Inzwischen erzählen mir junge Patientinnen, dass ihre Eltern die Kosten übernehmen“, so Struck. „Was ist dann mit Frauen, die keine gut gestellten Eltern im Rücken haben?“

Alexandra Ommert hofft indessen, dass das biko-Projekt fortgeführt wird: „Ein bundesweites Angebot wäre eine notwendige, längst überfällige Entwicklung, doch letztlich muss die Politik entscheiden.“

In der jüngsten Bundestagsdebatte zu Verhütung hat die SPD dafür plädiert, die Ergebnisse des Modellprojekts abzuwarten.

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